Unter dem Adler ruht die Geschichte
Bevor der Schwarze Adler in neuer Gestalt wieder an den Dohnaischen Platz zurückkehrt, richtet sich der Blick noch einmal tief in den Boden Pirnas. Dort, wo bald ein neues Haus für Gäste, Kultur und Begegnung entstehen soll, haben Archäologinnen und Archäologen des Landesamtes für Archäologie Sachsen in den vergangenen Wochen Schicht für Schicht freigelegt, was lange verborgen lag.
Am 01. Juli 2026 konnten Medienvertreterinnen und Medienvertreter bei einem Pressetermin einen Einblick in die archäologischen Untersuchungen auf dem künftigen Baugrundstück erhalten. Die rund 3.000 Quadratmeter große Fläche liegt in einem geschichtlich besonders bedeutsamen Bereich: der Dohnaischen Vorstadt, unmittelbar vor dem einstigen Dohnaischen Tor, dem südlichen Stadttor der alten Stadtbefestigung.
Schon im 14. Jahrhundert ist hier eine Ansiedlung schriftlich bezeugt. Damit erzählt dieser Ort nicht allein von der Geschichte des Schwarzen Adlers, sondern auch von der Entwicklung Pirnas außerhalb der schützenden Stadtmauern. Denn das mittelalterliche Leben spielte sich nicht nur innerhalb der befestigten Altstadt ab. Gerade vor den Stadttoren entstanden Vorstädte, Handwerksorte, Wohnstätten und Wege, die eng mit der Stadt verbunden waren – und doch oft besonders verletzlich gegenüber Feuer, Krieg und Zerstörung blieben.
Unter der Bodenplatte des zurückgebauten Hotels kamen Mauerreste aus Naturstein und flächiges Kieselsteinpflaster zum Vorschein. Alles deutet darauf hin, dass sich darunter weitere, tiefer liegende Einbauten befinden könnten. Wahrscheinlich handelt es sich bei den Mauern um ehemalige Unter- oder Kellergeschosse von Gebäuden, die darüber einst in Fachwerkbauweise errichtet waren.

Besonders eindrücklich sind Spuren, die von vergangenen Brandereignissen erzählen. Verfärbte Sandsteine, Brandschichten und Keramik aus dem 15. Jahrhundert lassen vermuten, dass sich hier möglicherweise Zeugnisse eines überlieferten Feuers aus dem Jahr 1488 erhalten haben. Damals soll die Breite Straße vollständig abgebrannt sein. Auch der Dreißigjährige Krieg hat an diesem Ort seine Spuren hinterlassen: 1639 wurde die Dohnaische Vorstadt niedergebrannt, um ein freies Schussfeld auf anrückende schwedische Truppen zu schaffen.
So wird auf besondere Weise sichtbar, was Geschichte bedeutet: Nicht nur große Jahreszahlen und ferne Ereignisse, sondern Steine, Schichten, Wege und Spuren im Boden. Jeder Befund fügt dem Bild der Stadt ein weiteres Stück hinzu.
Während an der Breiten Straße bereits die nächsten vorbereitenden Schritte für den Hotelneubau beginnen, richten sich die archäologischen Untersuchungen nun auf den hinteren Teil des Grundstücks in Richtung Robert-Koch-Straße. Auch dort bleibt die Frage spannend, wie das Gelände einst genutzt wurde. Historische Stadtpläne deuten für spätere Zeiten eine gärtnerische oder landwirtschaftliche Nutzung an. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch dort weitere Siedlungsreste, Brunnen oder Latrinen finden lassen.
Für den Schwarzen Adler ist dieser Moment mehr als ein notwendiger Abschnitt vor dem Neubau. Er ist ein stilles Innehalten. Ein Blick zurück, bevor der Blick wieder nach vorn geht.
Denn wo künftig Gäste empfangen werden, wo der Saal wieder erstrahlen, Menschen zusammenkommen und Pirna ein Stück seiner alten Lebendigkeit zurückerhalten soll, lagert im Boden bereits seit Jahrhunderten die Geschichte der Stadt. Sie wird nun behutsam dokumentiert, bevor der nächste Abschnitt beginnt.
Mitte Juli sollen die archäologischen Ausgrabungen abgeschlossen und das Grundstück vollständig für die Bebauung freigegeben werden. Dann kann der Schwarze Adler weiter wachsen – auf einem Grund, der nun noch besser verstanden ist.
Und vielleicht liegt gerade darin die schönste Verbindung dieses Ortes: dass hier nicht einfach neu gebaut wird, sondern dass Zukunft auf Geschichte ruht.